Ruhender Tiger

„Nach dem Essen sollst du ruhen oder 1.000 Schritte tun“ – Wieviel Wahrheit steckt in diesem alten Ratschlag? Diese etwas altklug vorgebrachte Weisheit hat garantiert jeder von uns schon einmal gehört, doch woher sie ursprünglich stammt, ist nicht mehr überliefert. Heute prüfen wir sie einmal auf Herz und Nieren und vor allem auf ihren Wahrheitsgehalt.

Die Prüfung der Aussage beginnt schon bei der Grammatik. Denn da steht nicht etwa als Frage formuliert „Sollst Du nach dem Essen ruhen, oder 1.000 Schritte tun?“, so dass entweder das eine oder das andere das Richtige wäre. Sondern da steht ein „oder“, das ganz klar aussagt, dass beide Varianten wünschenswert sind. Doch was nun? 1.000 Schritte tun, oder doch besser hinlegen und ausruhen? Steht das womöglich gar stellvertretend für „Sport oder Schlaf“? Wenn beides richtig ist, und unser Verhalten ganz offensichtlich keinen Unterschied macht, warum benötigen wir dann überhaupt diesen Hinweis?

Wie verhältst Du Dich nach dem Essen am besten?

Bereits während wir noch essen, beginnt unser Körper bereits mit der Verdauung. Dafür benötigt er jede Menge Energie und die Durchblutung in den Zerkleinerungs- und Verdauungsorganen wird angeregt. Vereinfacht ausgedrückt, fehlt uns diese Energie zu diesem Zeitpunkt dann andernorts, etwa im Gehirn und in der Muskulatur. Das bedeutet nun zwar nicht, dass das Gehirn und die Muskulatur gar nicht mehr durchblutet werden; doch die Leistungsbereitschaft und auch die Leistungsfähigkeit dieser Bereiche nehmen kurzzeitig spürbar ab.

Nach einem üppigen Essen fällt es uns sehr schwer, uns auf geistig fordernde Aufgaben zu konzentrieren, und sehr häufig fühlen wir uns auch körperlich träge und schlapp. Ein kleines und kontrolliertes Mittagsschläfchen kann zwar unter Umständen neue Energien freisetzen, jedoch wird diese Form des Power Napping in den meisten Büros nicht so gerne gesehen. „Ruhen“ scheint also nicht die karriereförderlichste Variante zu sein. Zudem ist es auch aus medizinischer Sicht gar nicht so empfehlenswert, sich nach dem Essen hinzulegen. Aus einem vollen Magen können in der Liegehaltung Magensäure und auch zerkleinerte Speisen in der Speiseröhre aufsteigen. Dieses medizinische Phänomen wird als Reflux bezeichnet und führt sehr häufig zu hässlichem Sodbrennen und Magendrücken.

Warum moderate Bewegung so gesund ist

Wäre es also in der Tat nicht besser, sich körperlich zu betätigen, und die besagten 1.000 Schritte zu tun? Die meisten Menschen schüttelt es ja allein schon beim Gedanken an Sport nach dem Essen, und das zurecht. Mit einem vollen Magen erbringst Du keine Leistung, viel mehr wird es Dir unter Belastung einfach nur übel werden. Doch von Sport ist hier überhaupt keine Rede. 1.000 Schritte überbrücken je nach Größe und Schrittlänge eines durchschnittlichen erwachsenen Menschen ungefähr eine Distanz von 800 – 1.000 Metern. Diese lässt sich bequem und ohne ins Schwitzen zu geraten mit einem kleinen Spaziergang und innerhalb weniger Minuten bewältigen.

Und genau hier liegt das Erfolgsgeheimnis: Mit der eher geringfügigen moderaten Bewegung nach dem Essen kurbeln wir unseren versackten Kreislauf wieder an. Muskulatur und Gehirn fordern ihre gewohnte Blutmenge zurück, werden wieder besser mit Sauerstoff versorgt und können wieder fast normal arbeiten. Zudem wirkt sich die Gehbewegung positiv auf die Verdauung im Unterbauch aus, denn insgesamt sitzen wir an einem Arbeitstag ohnehin viel zu viel. Der kurze Spaziergang ums Bürogebäude gemeinsam mit Kollegen macht zudem noch Spaß und fördert den Zusammenhalt in der Gruppe. Wenn Du jetzt noch auf die „Verdauungszigarette“ verzichtest, dann hast Du alles richtig gemacht.

Unterm Strich betrachtet sind also beide Varianten denkbar, und sicher hängt es auch von den persönlichen Vorlieben jedes Einzelnen und vielleicht auch von der jeweiligen Tagesform ab, wie er seinen Tag für sich am besten einteilt und gestaltet. Auch die Art der Mahlzeit kann eine Rolle spielen, denn sie ist mit dafür verantwortlich, wie träge wir uns nach dem Essen fühlen.

Wie viele Schritte machen wir denn überhaupt am Tag?

Einen zweiten Blick lohnt auch unser grundsätzliches Bewegungsverhalten an einem ganz normalen, durchschnittlichen Arbeitstag. Die meiste Zeit verbringen wir im Sitzen und starren schlimmstenfalls in einer schlechten Körperhaltung stundenlang auf einen Bildschirm. Wenn wir Stress (Umgang mit Stress) empfinden, dann haben wir nur wenige Möglichkeiten, ihm durch körperliche Aktivität entgegenzuwirken. Dass das nicht unbedingt ideal und gesund ist, merken wir meist selbst. 

Mit der Erfindung der Schrittzähler kam die schonungslose Wahrheit auf den Tisch und in die Statistiken: An einem regulären Bürotag mit acht bis neun Stunden tätigt der durchschnittliche Arbeitnehmer gerade einmal 3.000 bis maximal 5.000 Schritte. Was zuerst nach einer beachtlichen Zahl aussieht, ist in Wirklichkeit aber erschreckend wenig. Ärzte empfehlen eine durchschnittliche Bewegung von 10.000 Schritten am Tag, was einer Distanz von ungefähr acht Kilometern entspricht. In Wirklichkeit bewegen wir uns aber viel viel weniger, und oftmals sind wir abends trotzdem zu müde, um uns noch zum Sport aufzuraffen.

Tipps gegen den Bewegungsmangel im Büro

Mit ein wenig gutem Willen können wir unsere eigene Lethargie jedoch ziemlich gut austricksen. Der Schrittzähler kann uns dabei als Motivationshilfe dienen, denn er dokumentiert unsere Aktivitäten und verhindert, dass wir uns selbst belügen. „Heute bin ich im Büro den ganzen Tag nur von A nach B gerannt“ ist als rein subjektive Wahrnehmung schnell widerlegt, wenn vom Schrittzähler nur 2.000 Schritte erfasst wurden.

Ein guter Ansatz für mehr Bewegung ist es, von der Tiefgarage bis ins Büro nicht mit dem Lift zu fahren, sondern todesmutig das Treppenhaus zu überwinden. Der kleine Spaziergang in der Mittagspause mit den Kollegen bringt – wie wir bereits gelernt haben – die nächsten 1.000 Schritte aufs Konto. Ein weiterer guter Trick ist es, manche Dinge mit den Kollegen persönlich zu besprechen statt immer nur am Telefon. Das ist natürlich nicht immer praktikabel, aber gerade dann, wenn der Ansprechpartner nur drei Büros weiter sitzt, eine echte Alternative. Zudem erfreut es die meisten Menschen, wenn Du Dich ab und zu auch persönlich zu ihnen bemühen, anstatt immer nur anzurufen. Gewöhne Dir an, Dir am Nachmittag ein Glas Wasser oder Tee aus der Küche zu holen, denn nicht nur die Bewegung vernachlässigen wir regelmäßig, sondern auch die Zufuhr von Flüssigkeit. Verankere diese Aktivitäten in Deinen Alltag. Versuche doch einfach mal, Deinen inneren Schweinehund zu überlisten.

Je mehr Du Dich bewusst mit Deiner individuellen Arbeitssituation und mit Deinen täglichen Gewohnheiten beschäftigst, umso mehr Möglichkeiten und Alternativen für zusätzliche Bewegung wirst Du finden. Deine Gesundheit wird es Dir in jedem Fall danken. 

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